STUDIEREN AUF AUSTRALISCH

November 8, 2012

Verglichen mit den heimatlichen Breitengraden betätige ich die Snoozetaste meines 20 Euro Telefons lediglich einmal, bevor ich 5.30 Uhr in den Tag starte. Um diese Uhrzeit beginnen sich die Sonnenstrahlen ihren Weg zu bahnen um den Horizont in ein kristallklares Blau zu verwandeln. Es sind bereits 22 Grad und der erste Weg geht vorbei an der Toilette heraus auf die hauseigene Dachterrasse, die einen ersten Blick über die morgendlichen Wellenbedingungen zulässt…

Die Vorhersage und das Resultat lassen kein ausgiebiges Frühstück zu und so schwinge ich mich mit Surfbrett unter dem Arm und einer halben Banane im Mund auf mein Skateboard. Die Straße hinunter zum Strand ist steil und lang und manchmal etwas knifflig, wenn ich Barfuss vom Board springen muss, weil ich in der morgendlichen Aufregung mal wieder vergessen habe den Linksverkehr zu beachten. Man trifft um diese Uhrzeit bereits so viele Jogger, wie auf dem Campus der Deutschen Sporthochschule. Und ich bin nie der Erste im Wasser. So früh am Morgen ist es windstill und die Sonne ist noch nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte, was einem die alltägliche Einbalsamierung erspart.

Nach gut zwei Stunden im Wasser wird es allmählich Zeit sich den Pflichten zu widmen. Die Uni startet erst 11 Uhr, aber ich muss vorher noch eine Stunde unterrichten. Mein Arbeitsplatz befindet sich direkt 50m den Strand hinunter. Je nach Tide gebe ich hier für eine der besten Surfschulen, in denen ich je gearbeitet habe, Surfunterricht. Heute ist es ein australisches Pärchen aus Cairnes, das noch nie zuvor auf einem Brett gestanden hat. Sie machen sich gut und kurz bevor die Stunde endet, haben sie die entscheidende Welle. Die Welle, die sie mit einem Lächeln in den Tag starten lässt. Diese Welle die auch mich jeden Tag mit einem Lächeln in den Tag starten lässt. Doch nun heißt es unter Zeitdruck, den Hügel auf dem ich wohne, hinaufsprinten. Ich habe lediglich Zeit für eine der existenziellen Sachen die sich Duschen oder Frühstücken nennen. Ich entscheide mich für Letzteres und schneide mir schnell noch ein paar Früchte in mein rosinenverseuchtes Müsli. Die nächste Bushaltestelle ist zwar nur zwei Gehminuten entfernt, doch hoffe ich jeden Morgen, dass er wie ich, ein paar Minuten später kommt. Was er in der Regel auch tut. 22 Minuten später bin ich da, wo ich in der Regel öfter sein sollte. Auf dem Campus der University of the Sunshine Coast.

Zwischen hektischem Treiben, australischem Englisch und unzähligen Kangaroos bahne ich mir den Weg zu meinem Photographie Workshop. Als ich in den Seminarraum komme ist es bereits nach 11, doch der Dozent ist eher damit beschäftigt sich das Kaugummi unter seinen Flip Flops wegzukratzen und das vergangene AFL Grant Final Revue passieren zu lassen. Studieren in Australien ist anders. Auf keinen Fall einfacher, weil man sich einem enormen Workload stellen muss, der es einem nicht erlaubt lediglich die finale Klausur in Betracht zu ziehen. Dennoch ist der akademische Alltag von einer Gelassenheit bestimmt, der die deutschen Hochschulen wie eine Bildungsmaschinerie dastehen lässt.

Nach drei Stunden praktischer Portraitarbeit schreit mein Körper nun nach der nächsten Mahlzeit. Auf dem Weg zur Uni – eigenen Community Kitchen treffe ich Thomas, ein australischer Surfer, mit dem ich einige meiner Kurse habe. Bei einem Tunfisch Sandwich entscheiden wir die nächste Vorlesung zu vertagen und sein Auto mit unseren Surfboards zu beladen. Der Wind hat mittlerweile gedreht, was das Surfen an den offenen Stränden unmöglich macht. Wir fahren einige Headlands weiter südlich und suchen uns eine abgeschottete Bucht, in der man um die Nachmittagszeit ein paar hohlbrechende Wedges findet, die schon das ein oder andere Board entzweit haben. Das Wasser ist klar und wild. Ab und zu taucht eine Schildkröte auf und lässt sich einige Sekunden von den Wellen umhertragen, bevor sie sich wieder ihrem Leben unter Wasser widmet.

In solchen Situationen erlebt man das eindrucksvollste, dass dieses Land zu bieten hat. Die greifbare Natur.
An glücklichen Tagen surfe ich mit Schildkröten, Delphinen und Walen die wie ozeaneigene Springbrunnen am Horizont vorbeiziehen. Ein einziges mal sahen die Flossen, die sich aus der Wasseroberfläche hervortaten nicht all zu einladend aus, als zwei kleine Haie das Treiben der Surfer unterbrachen. Die Regel ist einfach; Schnell in Richtung Strand paddeln, umdrehen, auf das Meer schauen, um dann zu entscheiden sich lieber beißen als sich die Wellen entgehen zu lassen. Mit etwas Adrenalin und Fokus auf die hereinkommenden Set – Wellen vergeht der Gedanke an die majestätischen Raubfische relativ schnell. Mindestens genauso schnell wie die zweite Session dieses Nachmittages. Ich dränge Thomas dazu noch an einem öffentlichen Grillplatz stopp zu machen. Wir werfen grausame australische Würstchen auf den Grill und genießen den Sonnenuntergang mit einem Gingerbeer in barfuss.

Es ist mittlerwerweile halb sechs Uhr abends und mein Zweitjob wartete bereits. Jeden Abend kellnere ich in einem thailändischen Restaurant direkt am Strand. Es ist ein anstrengender Job, da das Restaurant gut besucht ist und ich manchmal am liebsten nach Kilometern bezahlt würde. Doch die Anstrengung legt sich meistens schon gegen 22.30 Uhr wenn mich der vietnamesische Chefkoch fragt, was ich mir denn heute zum Abendbrot wünsche. Seit dem ich hier arbeite, sind die abendlichen Portionen für die Mitarbeiter rapide gewachsen. Ganz zur Liebe meines Chefs, der durch seine feine englische Art graue Haare bekommt, wenn er die unästhetisch, überfüllten Teller sieht. Auf meinem Heimweg ist es bereits dunkelste Nacht. Ich hoffe, dass mich mein Mitbewohner noch mit einem kühlen Bier empfängt. Doch von der Straße aus kann ich bereits die erloschenen Lichter unseres Apartments erkennen.

Australien ist ein Land, dass sich trotz westlicher Leistungsgesellschaft noch voll und ganz den Tageszeiten hingibt. Vor allem die erste Zeit nach der Ankunft macht es einem der Jetleg nicht gerade einfach sich dieser Tradition unterzuordnen. Doch die Vorfreude auf die morgige Surfsession lässt einen ins Bett fallen, wie einen Zehnjährigen der am nächsten Tag Geburtstag hat. Ich checke noch schnell meine Mails und schicke meiner Mum und meiner Freundin noch ein Lebenszeichen. Mittlerweile wissen sie, dass ich durch mein Leben hier nicht gerade der berichterstattungsfreudigste Mensch bin. Vielleicht hätte ich auch nie diesen Artikel geschrieben, wenn ich mir nicht vor einigen Tagen beim Surfen die Rippe angeknackst hätte…Have a good one!

© Bilder und Text vom HHonolulu Events Member und Auslandskorrespondenten Konstantin Arnold




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